Dritter Tag:


 Sale Marasino - Iseo - Brescia - Parma - Berceto (Apennin) (175 Km)

Der Lago d'Iseo liegt zwischen Bergen eingerahmt als viertgrösster oberitalienischer See westlich vom Gardasee, der regelmässig total überlaufen und fest in deutscher Hand ist, etwas abgeschieden und touristisch wenig tangiert am Ausgang des Val Camonica, das sich vom Adamello in den Süden bis zur Poebene erstreckt. Er hat S-förmige Gestalt und den typischen Nord-Süd-Verlauf. Von Lovere am Nordende bis Sarnico reicht er und ist eben mal 30km lang. Der Oglio fliesst durch den See Richtung Po. Er beherbergt einige Besonderheiten: Die grösste Insel eines italienischen Sees, die Monte Isola liegt im Iseosee. Sie ist nur mit dem Toeff oder zu Fuss begehbar, Autos sind nicht zugelassen. Mehrere Dörfer können besichtigt werden, es wachsen Kastanienwälder und Olivenbäume. Eine Wallfahrtskirche, die Madonna della Ceriola zieht viele Gläubige auf die Insel. Empfehlenswert ist die Route am östlichen Seeufer des Lago d'Iseo entlang, da sich am westlichen einige unschöne Industrieansammlungen befinden, v.a. im Norden. Der mondänste Ort des Sees ist Iseo am südlichen Ende. Am Hafen wurde dem begnadeten Komponisten Giuseppe Verdi ein Denkmal gesetzt, im netten Altstädtchen findet sich eine Piazza, die Piazza Garibaldi, mit dem typischen Flair eines schön von Arkaden gesäumten Platzes. Hier steht Garibaldi, der Einiger Italiens, auf einem strauch- und moosbewachsenen und durch einen kleinen Wasserfall verschönerten Sockel. Besuchenswert sind neben einer alten Skaligerburg noch die Pfarrkirche.
Nach einem Blick auf das graue Wetter in Sale Marasino, beschliessen wir, erst einmal nach Iseo hinein zu fahren. Noch ist es trocken heute. Am See entlang erreichen wir das Städtchen schnell nach wenigen Kilometern.


Der Iseosee bei Iseo, links die Monte Isola

Der Hafen von Iseo

Arkadengesäumte Piazza....

....mit dem Garibaldi-Denkmal
Zuerst unternehmen wir einen kleinen Rundgang vom Hafen in die Altstadt, dann setzen wir uns unter die Arkaden und genehmigen uns einen Caffé. Das Leben ist aufgrund des schlechten Wetters nicht so recht in Gang gekommen an diesem Morgen und der Ort strahlt eine gediegene Ruhe aus. Am Kiosk gegenüber erspähe ich eine deutsche Zeitung und weil mich der Wetterbericht interessiert, hole ich sie mir, schlage die Wetterkarte auf und finde bestätigt, was uns der Portier im Hotel angekündigt hatte: Ein riesiges Tiefdrucksystem liegt über Italien, von den Alpen bis Sizilien. Für heute hatten wir ohnehin Städtebesichtigungen vorgehabt, Brescia, Mantua und Bologna, die grossen Kulturstädte der Lombardei und Emilia-Romagna, die vom Tourismus weitgehend verschont sind, sodass ein paar Tropfen wohl nichts ausmachen werden. Wir schwingen uns wieder auf die Motorräder und fahren südöstlich auf der S510 die wenigen Kilometer bis Brescia, noch ist es trocken.
Brescia empfängt uns mit dem Charme einer reichen italienischen Stadt, die über eine Jahrtausend alte Geschichte verfügt. Enge Gässchen, Palazzi, Piazze und der grandiose Stadtkern um den Domplatz sind die Highlights. Wir schlendern durch die Strassen, schauen, staunen. Auf dem Loggiaplatz ist aufgestuhlt, man gibt Freilichtspiele mit Carmen von Bizet. Wir suchen Schutz vor dem nun tröpfelnd einsetzenden Regen in einem der typischen Cafés in einer Seitenstrasse. Nichts Besonderes, doch das Cola kostet hier immerhin 5.- Euro (0,4L) und wir vermuten sofort eine spezielle Cola-Steuer, die wir in Italien übrigens häufiger entrichten mussten. Aber tatsächlich ist es doch nur die Beliebtheit des Getränkes, die den Preis bestimmt.

Die Innenstadt von Brescia

 Brescia in Kürze:

Brescia ist die zweitgrösste Stadt der Lombardei und liegt am Fusse der Brescianer Alpen, 190900 Einwohner bewohnen die Stadt, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz ist. Sie blickt auf eine Geschichte zurück, die bis in die Antike reicht. Brescia, das keltisch-römische Brixia, war Machtzentrum der gallischen Cenomanen, der Römer, die sie unter Augustus zu einem militärischen Zentrum ausbauten und wurde 452 von den Hunnen zerstört, nach der Einnahme durch die Langobarden (596) war sie Mittelpunkt eines langobardischen Herzogtums und im 12. Jahrhundert als Teil der oberitalienischen Freiheitsbewegungen freie Kommune. 1428 - 1797 gehörte es zu Venedig, 1815 - 59 mit der Lombardei zu Österreich, seit 1859 zum Königreich Sardinien-Piemont, mit dem es gemeinsam im italienischen Staat aufging. Teile dieses Erbes sind bis heute im Stadtbild erhalten. Auf der Karte findet man sie ungefähr in der Mitte der Südenden von Gardasee und Iseosee. Ein Spaziergang durch die Stadt ist ein Eintauchen in viele Epochen der europäischen Architekturgeschichte. Das Herz der Stadt sind die Piazza della Loggia und die Piazza del Duomo. Bauten im venezianischen Renaissancestil, die mit wunderschönen Bogengängen, mit Cafés und Läden aufwarten umgeben die Plätze. Prächtige Palazzi mit römischen Inschriften auf der Fassade finden sich ebenfalls hier. Der alte romanische, sowie der neue Dom im Renaissancestil erbaut mit weissem Marmor sind eine Besichtigung wert. Eine der Prachtstrassen ist die Via dei Musei, hier findet sich das römische Theater aus dem 1.Jh., Museen zu römischen Ausgrabungen, mit bildender Kunst und grossen Waffensammlungen. Weitere Kirchen mit grosser Malerei und Goldschmiedekunst wie St. Stefano, San Franzisco, San Giovanni, Madonna della Grazie, prächtige Gärten und das volkstümliche Viertel Contrada del Carmine runden den Stadtbesuch. Wer einen Blick auf die gesamte Stadt haben will, dem sei ein Ausflug auf den Colle Cidneo empfohlen. Jeden Samstag ist auf der Piazza della Loggia ein grosser Markt. Brescia soll übrigens die Stadt der schönsten italienischen Frauen sein. Aufgrund des schlechten Wetters und der damit verbundenen selten zu sehenden Exemplare können wir diese Behauptung nicht kommentieren.

Auf der Piazza della Loggia

Der neue Dom

Der 'alte', romanische Dom
Nach dem Cola-Erlebnis betreten wir erneut die Gassen der Stadt und werden von anhaltendem Regen eingenässt. Da es bisher trocken war, suggerieren wir uns wider besseres Wissen, - so wie der Rufer im Wald -, dass sich der Regen nur sporadisch zeigt und es vielleicht hinter der Stadt in der Poebene bereits aufgehört hat. Psychisch so gestärkt folgen wir in südöstlicher Richtung der gut ausgebauten S236 Direzione Mantua in die Poebene hinein. Hinter Brescia verlassen wir die Lombardei und sind nun in der Emilia Romagna. Doch kaum haben wir die Stadt hinter uns gelassen, erweist sich unser wettertechnisches Schönreden als schlechter Ratgeber: Es beginnt zu giessen ohne Unterlass. Jeder Pkw und erst recht jeder Lkw versprüht Fontänen nach allen Seiten. Die Gischt der vorausfahrenden Fahrzeuge ist undurchdringlich für Blick- und Überholversuche. Da bahnt sich ein Schlamassel an, geht es mir durch den Kopf. Nach etwa dreissig Kilometern Wasserschlacht halte ich unter einer Brücke an. Wir kramen die Karte heraus und suchen den schnellsten Weg an irgendeine Küste, da dort zumindest eine Chance auf längere Regenpausen besteht. Die Adria ist weiter von unserem Haltepunkt entfernt, als die Riviera di Levante. Wir beschliessen unverzüglich, dorthin südlich abzubiegen und den Tourenplan über den Haufen zu werfen, nur weg hier. Also biegen wir auf die S343 Richtung Parma ab, ein kleines Landsträsschen, das die Poebene senkrecht durchquert - ohne Lkw-Verkehr hoffentlich-. Eine erneute Täuschung: Auch hier sind Lkw unterwegs. Der Regen hat zwischenzeitlich Sintflutdimensionen angenommen und nach etwa 50 Kilometern gibt mein Regenkombi den nach Eindringen verlangenden Wassermassen nach und ich werde zuerst feucht, dann nass. Auf den Strassen stehen keine Pfützen mehr, nein es sind regelrechte Seen geworden, jedes entgegenkommende Fahrzeug schleudert riesige Fontänen empor und Bäche auf uns herab. Bei Casalmaggiore am Po, der wie ein wütender Strom seinen Weg sucht und schlammig in seinem Bett tobt, erkenne ich aus leidvoller Erfahrung die Dimension des Unwetters.
Eigentlich kann man nicht mehr unterscheiden, wo reguläre Flüsse ihren Lauf haben und wo die Strasse verläuft. Als es zu gewittern beginnt, ist mir das egal, nur weiterfahren, nur raus hier. Ein schwerer Hagelsturm erwischt uns. Jedes Hagelkorn schmerzt wie ein Nadelstich auf der Haut durch Kombi und Jacke. So geht es nicht weiter, und bei einer Tankstelle halten wir dann doch an: Völlig durchnässt und triefend steigen zwei jämmerliche Gestalten von ihren Bikes und suchen Schutz in einem kleinen Stehcafé, das sich neben der Tankstelle befindet. Unter uns bilden sich sofort grosse Lachen, als wir an der Theke heisse Getränke und ein Sandwich zu uns nehmen. Draussen schüttet es ohne Unterlass. Es hilft nichts, wir müssen weiter und unter den mitleidigen Blicken der wenigen Gäste des Cafés steigen wir auf und fahren die verbleibenden 25km bis Parma weiter. In Parma fahren wir schnurstracks in die Innenstadt auf der eigentlich gesperrten Fussgängerzone, auch egal. Unter den Arkaden finden wir vorerst Schutz. Parma ist eine der schönsten Städte Oberitaliens, aber wir haben heute keinen Blick für diese Schönheiten und beschliessen die Stadt auf dem Rückweg, den wir allerdings noch nicht kennen, da sich unsere Tour völlig geändert hat, wieder zu besuchen. Richtung Küste lautet die Devise und so begeben wir uns auf die Landstrasse Richtung La Spezia.

Parma....

....im Regen

Pause am Passo di Cisa
Die S62 führt uns von Parma nach Südwesten, ins Taro-Tal, dort beginnt nach wenigen Kilometern ein Aufstieg in den emilianischen Apennin, auf den Passo della Cisa. In weiten Kehren geht es bergan, der Belag ist neu und griffig. Zu unserer Erleichterung wird der Regen weniger, hört dann sogar ganz auf. Der Fahrtwind ist angenehm warm und wir beginnen langsam wieder zu trocknen. Nun macht es wieder richtig Spass, auch mal am Gashähnchen zu zupfen und die kurvige Strasse hinauf zu jagen. Nach etwa 30km sind wir auf einem Kamm, die Strasse verläuft in angenehmen Kurven durch hügeliges Gelände. Wir fahren die Via Francigena, eine Wallfahrtsstrecke, wie wir an einem Schild ablesen können, die von den Alpen bis hierher führt.

 Die Täler des oberen Apennin:

Der Apennin (Apenninen, italienisch: L'Appennino) ist das Italien südlich der Poebene durchziehende Gebirge, es ist gleichzeitig Hauptwasserscheide und wichtige Klimascheide. Der Apennin beginnt am Ligurischen Golf, zieht sich von dort zur adriatischen Küste nach Osten und biegt an ihr nach Südosten um, wo er in den Abruzzen seine größte Höhe erreicht (Gran Sasso d'Italia 2914m über dem Meeresspiegel) und anschließend nach Süden, sodass er wieder die Westseite der Halbinsel (Apenninhalbinsel) erreicht. Er endet an der kalabrischen Halbinsel und ist ein 1500 km langes, bis zu 100 km breites tertiäres Faltengebirge, bestehend aus mesozoischen Kalken und Dolomiten, tertiären Sandsteinen, Schiefern, Mergeln und Tonen. Die Höhen zeigen wenig wechselnde, sanfte Formen, nur die Kalke in den Karstmassen der Abruzzen sind wild zerklüftet. Im Klima unterscheidet sich der Apennin vom übrigen Italien durch geringere Wärme, schärfere Temperaturgegensätze und größere Niederschläge (bis 2000 mm). Die Pflanzenwelt zeigt nur Reste des natürlichen Waldkleides (Buchen, Nadelhölzer), sonst Sträucher und Grasland. Wichtig für den Verkehr sind die zahlreichen Pässe.
Von Parma aus erstrecken sich die Täler des oberen Apennin südwestwärts in das gebirgige Umland der Stadt. Die Flusstäler des Taro, Cena, Baganza, Parma und Enza bilden eine Welt für sich. Jedes Tal verfügt über eigene soziale, kulturelle und historische Entwicklungen, die die Bindung an die Hauptstadt Parma in der Poebene prägten. Zeitweise verarmten die Dörfer der Täler, es fanden grosse Abwanderungswellen in die Städte der Ebene und ins Ausland statt. Nun wurden v.a. von erholungssuchenden Städtern die reizvollen Häuser wiederentdeckt und mit erheblichem Aufwand wunderschön restauriert. Es gibt wenig Industrie, v.a. Viehzucht und Landwirtschaft prägen die Landschaft. In den abgeschiedenen Bergregionen kommen bis heute noch Wölfe vor, wie seit tausenden von Jahren. Zu Gesicht bekommt man die die scheuen Tiere natürlich nicht. Obwohl sie geschützt sind, werden sie jedoch abgeschossen, wo erreichbar, wie wir von einem Insider, einem Bauern, erfuhren. Alle Täler sind für Motorradfahrer ein Genuss, wärmstens zu empfehlen und (noch) ein Geheimtipp.
Zwei Orte, die wir besucht haben, will ich stellvertretend für die Vielzahl der durchfahrenen Orte nennen, die, jeder für sich, seine eigenen Reize hat:
Bardi im Ceno-Tal besticht mit einer über dem Tal thronenden mittelalterlichen Festung, die weithin sichtbar ist, dem Rocca dei Landi, es beherbergt ein interessantes Bauernmuseum, wo neben alltäglichen Tätigkeiten des Landvolkes auch die Kastanienverarbeitung gezeigt wird.
Berceto im Taro-Tal liegt an der östlichen Flanke unterhalb des Passo della Cisa, ca. 50km von Parma entfernt. Es beherbergt einen Dom aus dem 12.Jh und einen mittelalterlichen Dorfkern. Man beginnt, diese Region touristisch zu erschliessen, störende Landschaftseingriffe fehlen allerdings bisher. Im Tal verläuft die Autobahn, die aber nicht weiter auffällt, bewegt man sich auf der Statale 62, die den Pass erklimmt und auf dem Kamm in wunderschön abgeschiedener Landschaft verläuft.
Wie bereits angedeutet, sind die Strassen der Apennintäler des emilianischen, toskanischen und ligurischen Apennin ein Bikerparadies. Abgeschiedene, schmucke Dörfer, herrlich einsame Pass- und Kurvenstrecken auf gut ausgebauten Strassen mit grandiosen Fernblicken auf Mittelmeer und auf eine ungestörte grüne Bergregion erwarten den Motorradfahrer, der mal was anderes sehen will, als die ausgetretenen Pfade der Alpen, die zudem v.a. an Wochenenden in einem Masse überlaufen sind, dass es einen graust. Wer einen unbekannten Schönen sucht, der besuche den Apennin, der sich bis auf ca. 2000m erhebt. Dann immer der Nase nach, z.B. Michelin Nr. 428 Italia Nord-Ovest, alle grün markierten Strecken sind für Motorradtouren bestens geeignet. Quartier findet sich selbst in den abgelegensten Regionen zur Hauptsaison immer, wie wir erfahren haben. Grundkenntnisse 'italienisch' sind nützlich.

Blick zurück ins Taro-Tal Richtung Poebene

Im Apennin, hügelige Landschaft....

....mit erneut aufziehendem Unwetter
Erneut aufziehende Unwetter veranlassen uns nach einer Unterkunft zu suchen. Wieder einmal sind die Italienischkenntnisse meines Begleiters ein wahrer Sprachschatz, der uns zu einer kleinen Albergo mitten im Gebirge bei Berceto führt, wo wir auch Quartier beziehen können. Die bisher nicht abgetrocknete Motorradkluft hängen wir in den Wind vor unseren Fenstern. Gott sei Dank sind alle meine Köffer dicht geblieben, sodass genügend Auswahlmöglichkeit an trockenen Ersatzkleidern besteht. Der Abend gestaltet sich amüsant, ausser uns sind nur ältere Herrschaften in der Herberge, was dem Abendessen einen diskreten Sanatoriumscharakter verleiht. Aus den Nachrichten erfahren wir, dass weite Teile Oberitaliens Opfer einer Naturkatastrophe mit Überschwemmungen, Erdrutschen und schweren Verwüstungen wurden und dass es Tote gegeben hat.

Die Albergo....

....in Berceto


zurück
Page-Uebersicht
nach oben
zur Touruebersicht
weiter